CBAM / Projektfinanzierung

    Banken stellen eine neue Frage: Kann Ihr grüner Strom beweisen, dass er grün ist?

    Warum CBAM-Verifizierungsbereitschaft Teil der Finanzierung erneuerbarer Projekte auf dem Westbalkan wird

    Von Dr. Elvis Mujagić · 6. Oktober 2026 · 9 Min. Lesezeit

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    Ein Banker und eine Energieingenieurin prüfen Messdaten in einem Solarpark neben einer Hochspannungsleitung in den Hügeln des Balkans.

    Jahrelang wurde ein erneuerbares Projekt auf dem Westbalkan anhand bekannter Zahlen finanziert: Sonnen- oder Windressource, CAPEX, Grosshandelspreise, Netzzugang und Ausgleichskosten. Wenn das Projekt Strom in die EU verkaufen will, brauchen Kreditgeber jetzt eine zusätzliche Antwort. Kann das Projekt nach CBAM-Regeln nachweisen, dass der gelieferte Strom tatsächlich CO2-arm ist?

    Strom gehört zu den Waren, die der EU-Grenzausgleichsmechanismus CBAM erfasst. Wenn Strom in die EU fliesst, muss der zugelassene CBAM-Anmelder die eingebetteten Emissionen ausweisen. Können tatsächliche Emissionen nicht belegt werden, greift ein Standardwert, und für den Grossteil der Region spiegelt dieser Wert ein kohlelastiges Netz wider.

    Das führt zu einer unangenehmen Situation. Ein sauberer Solarpark kann auf dem Papier wie ein Kohlekraftwerk behandelt werden. Nicht weil er emittiert, sondern weil niemand beweisen kann, dass er es nicht tut.

    Grüner Strom ohne prüfbare Nachweise kann so bepreist werden, als käme er aus dem schmutzigsten Teil des Netzes.

    Warum das zur Bankfrage wird

    Ein Kreditgeber finanziert künftige Cashflows. Muss ein EU-Käufer wegen fehlender Nachweise auf jede MWh eine CBAM-Abgabe zahlen, verschwinden diese Kosten nicht. Sie landen im Preis, den der Käufer zu zahlen bereit ist, in Nachverhandlungen oder im Verlust von Abnehmern. So oder so erreichen sie die Umsatzzeile des Projekts und die Schuldendienstdeckung.

    Wie CBAM.news berichtet, müssen Kreditgeber deshalb über das technische Projekt hinausschauen und prüfen, ob der Weg zum Markt den CO2-armen Wert nach der CBAM-Methodik erhält. Das ist kein ESG-Nebenthema. Das ist Kreditrisiko.

    Gleiche Technik, ganz andere Belastung

    Bemerkenswert ist, wie stark das Risiko vom Standort abhängt. Die nationalen Standard-Emissionsfaktoren unterscheiden sich in der Region deutlich, und damit auch die Kosten, wenn tatsächliche Emissionen nicht belegt werden.

    1. 1.

      Albanien

      Albanien hat derzeit einen Standardfaktor von null, weil der Strom überwiegend aus Wasserkraft stammt. Ein Projekt ohne Nachweis tatsächlicher Emissionen trägt über den nationalen Standardwert kaum Belastung, zumindest bei den aktuellen Werten.

    2. 2.

      Bosnien und Herzegowina

      Bei einem bosnischen Projekt könnte dasselbe Versäumnis den EU-Käufer beim Zertifikatspreis des dritten Quartals fast EUR 95 pro MWh an CBAM-Kosten kosten. Das liegt im Bereich des Grosshandelswerts des Stroms selbst oder darüber.

    3. 3.

      Serbien und Montenegro

      Hier liegt die entsprechende Belastung bereits über EUR 80 pro MWh. Auch das reicht, um die wirtschaftliche Logik eines Exportvertrags zu zerstören.

    Zwei technisch identische Solarparks, wenige hundert Kilometer voneinander entfernt, können also völlig unterschiedliche Bankfähigkeitsprofile haben. Die Module sind gleich. Die Nachweiskette und das Netz, in dem sie stehen, sind es nicht.

    In Bosnien, Serbien oder Montenegro können fehlende CBAM-Nachweise pro MWh mehr kosten, als der Strom wert ist.

    Was Kreditgeber künftig prüfen werden

    Die Due Diligence wird sich von der Anlage auf die Belegkette hinter jeder gelieferten MWh ausweiten. Rechnen Sie mit Fragen zu diesen Punkten:

    • PPA-Struktur: Wer trägt die CBAM-Kosten, wie ist die CO2-arme Eigenschaft definiert und was passiert, wenn der Nachweis scheitert?
    • Messsysteme: zertifizierte, zeitgestempelte Erzeugungsdaten, die den exportierten Mengen zugeordnet werden können.
    • SCADA-Daten: vollständige, gespeicherte und zugängliche Betriebsdaten, nicht nur Monatszusammenfassungen.
    • Handelsvereinbarungen: wie der Strom physisch und vertraglich in die EU gelangt, einschliesslich Zwischenhändlern.
    • Nominierungsnachweise: Beleg, dass die grenzüberschreitende Kapazität für genau diesen Strom nominiert wurde.
    • Zugang für Prüfer: ob ein akkreditierter Verifizierer Standort, Systeme und Unterlagen tatsächlich erreichen kann.
    • Der EU-CBAM-Anmelder: wer er ist, ob er zugelassen ist und ob er die Projektdaten akzeptiert.

    Beachten Sie, was auf dieser Liste fehlt. Herkunftsnachweise allein beantworten die CBAM-Frage nicht. Sie bleiben ein separates Instrument und sind kein Ersatz für CBAM-Nachweise.

    Wo Projekte typischerweise scheitern

    In unserer Arbeit mit Produzenten und Exporteuren liegt das Problem selten an der Technik. Es liegt daran, dass niemand die Nachweiskette von Anfang bis Ende verantwortet.

    • Der PPA wurde unterschrieben, bevor CBAM verstanden war, und regelt nicht, wer bei fehlenden Nachweisen zahlt.
    • Mess- und SCADA-Daten existieren, liegen aber beim Betriebsdienstleister und können einem Prüfer nicht auf Anfrage übergeben werden.
    • Der Händler übernimmt die Nominierungen, aber das Projekt hat weder eine Kopie noch ein vertragliches Recht auf die Unterlagen.
    • Niemand hat geklärt, welche EU-Gesellschaft als CBAM-Anmelder auftritt oder welche Daten sie braucht.
    • Das Finanzmodell geht davon aus, dass grüner Strom automatisch einen grünen Preis erzielt.

    Was Projektentwickler jetzt tun sollten

    Die gute Nachricht: Das meiste lässt sich mit Struktur lösen, nicht mit neuer Hardware. Je früher es in Verträge und Abläufe eingebaut wird, desto günstiger.

    1. 1.

      Den Weg zum Markt abbilden

      Zeichnen Sie die gesamte Kette vom Zähler bis zum EU-Anmelder: Produzent, Händler, Übertragung, Nominierung, Käufer. Benennen Sie für jeden Schritt eine verantwortliche Stelle.

    2. 2.

      Verträge anpassen

      Ergänzen Sie PPAs und Handelsverträge um klare CBAM-Klauseln: Datenpflichten, Prüferzugang, Kostenverteilung und Folgen, wenn der Nachweis scheitert.

    3. 3.

      Daten sichern

      Stellen Sie sicher, dass Mess-, SCADA- und Nominierungsdaten gespeichert, vollständig und vertraglich Ihnen zugänglich sind, nicht nur Ihren Dienstleistern.

    4. 4.

      Verifizierungsbereitschaft testen

      Lassen Sie, bevor die Bank fragt, unabhängig prüfen, ob Ihre Nachweise halten würden. Schliessen Sie Lücken, solange es noch günstig ist.

    5. 5.

      Das Risiko rechnen

      Zeigen Sie dem Kreditgeber ein Szenario mit und ohne akzeptierte tatsächliche Emissionen. Eine Bank vertraut einem Projekt mehr, wenn das Risiko sichtbar und gesteuert ist.

    Das Projekt, das seinen CO2-armen Wert belegen kann, ist leichter zu finanzieren, leichter zu verkaufen und schwerer zu ersetzen.

    Das grössere Bild für die Region

    CBAM schafft in Südosteuropa eine neue CO2-Kostengrenze. In Ländern mit hohen Standardfaktoren wird verifizierter erneuerbarer Strom zu einem echten Handelswert, weil EU-Käufer genau ihn brauchen, um Standardkosten zu vermeiden. Für Investoren und Banken verschiebt sich die Frage von "Ist das eine gute Anlage?" zu "Ist das eine gute Anlage mit Nachweisen, die die Grenze überstehen?"

    Projekte, die diese Frage früh beantworten, erhalten bessere Finanzierungskonditionen und stärkere Abnahmeverträge. Projekte, die es nicht tun, entdecken die Lücke im ungünstigsten Moment: im Kreditausschuss oder bei der ersten CBAM-Erklärung.

    Ist Ihr Projekt bereit für die CBAM-Frage der Bank?

    Wir unterstützen Produzenten, Exporteure und ihre Finanzierungspartner dabei, die Nachweiskette abzubilden, die Verifizierungsbereitschaft zu testen und Lücken zu schliessen, bevor sie zu Kosten werden.

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    Quellen und redaktionelle Referenzen

    • CBAM.news, "Banks Will Need to Assess Carbon-Verification Readiness", October 2026, cbam.news
    • Regulation (EU) 2023/956 establishing a Carbon Border Adjustment Mechanism, and its implementing acts (EUR-Lex)

    Dieser Artikel ist unsere eigene Analyse. Zahlen und Fakten Dritter sind den genannten Quellen zugeordnet; alle Rechte verbleiben bei den jeweiligen Inhabern.

    Dr. Elvis Mujagić

    Dr. Elvis Mujagić

    Dr. Elvis Mujagić ist Partner und Head of CBAM bei wis.dom|bridge™. Er berät Unternehmen zu CBAM-Kosten, Umsetzung und dem Zusammenhang zwischen CO2-Daten, Beschaffung und Finanzplanung.

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